Zentrum für Endokrinologie und Stoffwechsel
Hormone im Gleichgewicht
Seit Anfang September 2026 steht mit oralem Semaglutid eine neue medikamentöse Therapieoption für Menschen mit Adipositas zur Verfügung. Der Wirkstoff ist bereits aus der Behandlung mit der sogenannten „Abnehmspritze“ bekannt. Was kann die neue Tablette – und für wen kommt sie infrage?
Die medikamentöse Behandlung von Adipositas hat sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten. Zu ihnen gehört Semaglutid, das bislang zur Adipositastherapie vor allem als einmal wöchentlich anzuwendende Injektion bekannt war.
Seit Anfang September 2026 steht Semaglutid zur Gewichtsreduktion nun auch in Tablettenform zur Verfügung.
Semaglutid ahmt die Wirkung des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nach. Es beeinflusst unter anderem die Regulation von Hunger und Sättigung und führt dadurch bei vielen Patientinnen und Patienten zu einer verminderten Nahrungsaufnahme.
Während die bisherige subkutane Therapie einmal wöchentlich gespritzt wird, wird orales Semaglutid einmal täglich eingenommen.
Die Wirksamkeit von oralem Semaglutid wurde in der OASIS-4-Studie untersucht. Die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie wurde 2025 im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.
An der Studie nahmen 307 Erwachsene ohne Diabetes mit Adipositas oder mit Übergewicht und mindestens einer gewichtsassoziierten Begleiterkrankung teil. 205 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten einmal täglich 25 mg orales Semaglutid, 102 ein Placebo. Beide Gruppen erhielten zusätzlich eine Lebensstilintervention.
Nach 64 Wochen betrug die durchschnittliche Gewichtsveränderung −13,6 % unter oralem Semaglutid gegenüber −2,2 % unter Placebo.
Auch stärkere Gewichtsreduktionen von mindestens 10, 15 oder 20 Prozent wurden unter Semaglutid deutlich häufiger erreicht.
Die Größenordnung der erzielten Gewichtsreduktion ist damit vergleichbar mit Ergebnissen, die aus Studien mit subkutanem Semaglutid – der sogenannten Abnehmspritze – bekannt sind. Wichtig ist allerdings: Die OASIS-4-Studie war kein direkter Vergleich zwischen Tablette und Spritze. Aus den Daten lässt sich deshalb nicht ableiten, dass beide Darreichungsformen exakt gleich wirksam sind.
Auch das Nebenwirkungsprofil entspricht grundsätzlich dem, was von GLP-1-basierten Therapien bereits bekannt ist.
Am häufigsten treten Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfung und gelegentlich Erbrechen auf.
In der OASIS-4-Studie traten gastrointestinale Nebenwirkungen bei 74,0 % der mit oralem Semaglutid behandelten Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf, gegenüber 42,2 % unter Placebo.
Viele dieser Beschwerden treten insbesondere während der Dosissteigerung auf und sind vorübergehend. Dennoch ist eine ärztliche Begleitung wichtig, um Verträglichkeit, mögliche Kontraindikationen und Begleiterkrankungen zu berücksichtigen.
Diese Frage lässt sich nicht für alle Patientinnen und Patienten gleich beantworten.
Die Tablette kann insbesondere für Menschen interessant sein, die eine Injektion vermeiden möchten. Auf der anderen Seite kann die einmal wöchentliche Anwendung der Spritze für manche Patientinnen und Patienten praktischer sein als die tägliche Einnahme einer Tablette.
Entscheidend ist daher nicht allein die Darreichungsform. Bei einer medikamentösen Adipositastherapie sollten die individuelle Ausgangssituation, Begleiterkrankungen, mögliche Kontraindikationen, bisherige Therapien und persönliche Präferenzen berücksichtigt werden.
Bei aller Aufmerksamkeit, die neue Medikamente zur Gewichtsreduktion derzeit erfahren, ist uns ein Punkt besonders wichtig:
Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage mangelnder Willenskraft.
Eine medikamentöse Therapie sollte deshalb nicht als kurzfristige „Abnehmkur“ verstanden werden, sondern als möglicher Bestandteil eines langfristigen Behandlungskonzepts.
Vor Beginn einer Therapie sollte auch geprüft werden, ob hormonelle oder metabolische Erkrankungen vorliegen und welche Begleiterkrankungen durch das Übergewicht bereits entstanden sind.
Im Zentrum für Endokrinologie und Stoffwechsel (ZES) beraten wir Patientinnen und Patienten mit Übergewicht und Adipositas zu den heute zur Verfügung stehenden Therapieoptionen.
Dabei prüfen wir individuell, ob die Voraussetzungen für eine medikamentöse Behandlung vorliegen und welche Therapie unter Berücksichtigung von Wirksamkeit, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und persönlichen Präferenzen sinnvoll sein kann.
Die neue Möglichkeit einer oralen GLP-1-Therapie erweitert das Spektrum der Adipositasbehandlung um eine weitere Option. Entscheidend bleibt eine individuelle, medizinisch begründete und langfristig ausgerichtete Therapieentscheidung.
Wharton S, Lingvay I, Bogdanski P, et al.; OASIS 4 Study Group. Oral Semaglutide at a Dose of 25 mg in Adults with Overweight or Obesity. N Engl J Med. 2025;393:1077–1087. doi:10.1056/NEJMoa2500969.
Autor: Prof. Dr. med. Harald J. Schneider
Internist, Endokrinologe und Diabetologe
Zentrum für Endokrinologie und Stoffwechsel (ZES)
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Patienteninformation und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Die Entscheidung über eine medikamentöse Therapie erfolgt stets im persönlichen Arzt-Patienten-Gespräch auf Grundlage der individuellen Befunde und Voraussetzungen.